Fortgeschrittene Strategien für erfahrene Turnierpoker Spieler

 

Keine Frage: Turnierpoker ist eine der unterhaltsamsten Pokerarten überhaupt – und gleichzeitig die kompetitivste Spielart. Der Kampf um die großen Preisgelder ist geprägt von schwierigen Entscheidungen, kniffligen Situationen und kämpferischen Gegenspieler; der Weg bis zum Finaltisch ist lang und beschwerlich. Insbesondere, wenn stärker-besetzte Turniere – egal ob im Internet oder im heimischen Casino – gezockt werden, wird sehr schnell klar, dass die meisten Spieler die grundsätzlichen Regeln des Turnierpoker-Spiels beherrschen und schon lange nicht mehr die Fehler begehen, die noch vor 10 Jahren Runde um Runde kapitalisiert werden konnten. Dieser Artikel erklärt nun einige fortgeschrittene Strategien, die helfen werden, um auch in starken Teilnehmerfeldern zu bestehen.


Changing Gears: Situationsbedingter Wechsel des generellen Spielstils

Klassischerweise folgen die meisten Pokerspieler in den verschiedenen Turnierphasen einen bestimmten Spielstil, sei es ein loose-aggressiver oder ein tight-aggressiver Ansatz. Dies ist grundsätzlich auch sinnvoll, lässt den jeweiligen Spieler allerdings relativ durchschaubar werden. So wird ein tight-aggressiver Spieler, der in früher Position eine starke Erhöhung macht, in der Regel eine sehr starke Hand halten während ein loose-aggressiver Spieler, der vom Button aus eine Eröffnung tätigt, wohl eine sehr weite Handauswahl halten wird. Aus dieser offensichtlich leicht zu treffenden Einschätzung lässt sich direkt erkennen, warum es sinnvoll sein kann, seine Strategie (zumindest kurzzeitig) zu wechseln und einfach mal das Gegenteil der normalen Herangehensweise vorzunehmen. So sollte ein Spieler, der normalerweise sehr viele Hände eröffnet, durchaus sich auch mal zurückhalten, wenn die Gegenspieler anfangen gegen ihn Anpassungen vorzunehmen und umgekehrt. Im Weiteren werden auch noch einige Techniken vorgestellt, die diese Herangehensweise unterstützen und wie sie ins jeweilige Spiel integriert werden können.

Der Limp/ReRaise bzw. das Limp/All-In

In den allermeisten Fällen sollte mit einer aggressiven Eröffnung in das Spiel eingestiegen werden, dies erfolgt in der Regel durch ein Eröffnungsraise. Trotzdem gibt es einige Situationen, in denen ein so genannter Openlimp, also der Einstieg mit einem Call des Big Blinds, profitabel sein kann. Diese sind im Einzelnen aber nicht ausschließlich:

  • Sollte man frisch an einen neuen Tisch wechseln, wo einen die Gegenspieler bisher noch nicht kennen und die Anzahl der vorhanden Chips zwischen 18 und 25 Big Blinds liegen, so lassen sich eine ganze Reihe an Händen in früher Position openlimpen, um sie auf einen Isolations-Raise hin All-In zu pushen. Eine entsprechende Hand-Auswahl sollte ausbalanciert sein, d.h. sowohl einige sehr starke als auch schwache Kombination an Händen beinhalten. Solch eine mögliche Handrange wäre beispielsweise: 22+ (also jedes Paar), A2s-A5s und AQ sowie AK. Dies ermöglicht auf der einen Seite direkt ein unberechenbares Image zu etablieren, welches sich hoffentlich später kapitalisieren lässt, und auf der anderen Seite einige wichtige Chips zu akkumulieren, ohne raise/fold oder einen Pot out of Position spielen zu müssen.

  • Wird zum Small Blind gefoldet, so hat dieser eine ganze Reihe an Optionen. Da der Big Blind eine zufällige Hand hält, die oftmals nicht sonderlich stark ist, wäre der Standard-Impuls, dass aus dem Small Blind viele Hände mit einer kräftigen Erhöhung eröffnet werden sollen. Grundsätzlich ist dies eine gute Möglichkeit, birgt aber einige Schwachpunkte. So lässt es die Hand-Range sehr schnell in drei Teile aufteilen, wenn manche Hände erhöht, andere gecalled und wieder andere gefoldet werden, was es sehr schwierig macht diese Hände auszubalancieren. Gleichzeitig steht man vor der Herausforderung, dass wenn die effektive Stacksize um die 15-25 Big Blinds liegt, der Gegenspieler eine sehr weite Handrange direkt all-in spielen wird (der so genannte Resteal), wohingegen man mit vielen Händen folden muss. Dies passiert besonders häufig, wenn mittlere oder hohe Buy-In Turniere online gespielt werden oder bei entsprechend stark-besetzten Turnieren im heimischen Casino teilgenommen wird.

Um diesem Dilemma zu entkommen, empfiehlt es sich aus dem Small Blind eine Limping-Strategie zu fahren, die entweder einen sehr günstigen Flop ermöglicht oder gegen ein Raise des Gegenspielers selbst noch mal zu erhöhen (beispielsweise mit einem All-In mit einer effektiven Stack-Größe um die 15-25 Big Blinds) oder die schwächsten Hände wegzuschmeißen. Natürlich muss dann auch die Limping-Range komplett ausbalanciert sein sowie die Hände, mit denen gelimp/raised werden.

  • Der Openlimp in später Position. Dies wiederspricht erstmal natürlich dem, was man überall zu lesen bekommt, denn allgemein gilt, dass in später Position viel gestealt werden soll. Wenn allerdings starke Gegenspieler in den Blinds sitzen, so wird man sehr häufig mit ReRaises oder gar ReReRaises konfrontiert, sodass man potenziell schön spielbare Hände wie beispielsweise J9s direkt aufgeben muss. Durch einen Openlimp hat man hingegen die Möglichkeit mit einer ausbalancierten Handrange bestimmte Hände zu limp/callen und andere wieder zu limp/reraisen und so in Position die Gegner massiv unter Druck zu setzen. Entwickelt sich ein Multiway-Pot, so hat man trotzdem Position und damit einen großen Vorteil gegenüber den Gegenspielern.



Der UTG-Steal

Die landläufige Meinung suggeriert, dass in früher Position nur sehr starke Hände mit einer Erhöhung eröffnet bzw. überhaupt gespielt werden sollen. Dies ist grundsätzlich erstmal korrekt, da die meisten Spieler dieser Meinung folgen. Daraus ergibt sich jedoch ein großer Vorteil: Dadurch, dass die meisten Spieler denken, dass in früher Position nur sehr starke Hände erhöht werden, erhält man selbst mehr Kredit für eine starke Hand aus dieser Position, auch wenn man eventuell eine schwächere stattdessen in Wirklichkeit erhöht. Insbesondere, wenn man als tighter, vernünftiger Spieler eingeschätzt wird, lassen sich wunderbar spekulativere Hände wie suited Aces oder suited Connectors in die eigene Handauswahl integrieren. Wird man erwischt, ist das erstmal kein Problem, denn dann eröffnet man erstmal wieder nur starke Hände, denen dann wieder nur weniger Kredit gegeben und so diese vielleicht ausbezahlt werden.

 
 
 
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